Nordfriesland und Dithmarschen auf dem Weg zur Corona-Modellregion


Die Kreise Nordfriesland und Dithmarschen bereiten ihre gemeinsame Bewerbung als „Modellregion nördliche Westküste“ vor. Am 22. März hatten die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten die Möglichkeit eröffnet, die Corona-bedingten Einschränkungen mit umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen in einigen Regionen zu lockern.

  

„Die Menschen brauchen erste vorsichtige Schritte in Richtung Normalität und Alltag. Auch die regionale Wirtschaft wie der Einzelhandel und die Tourismusbranche sind auf eine greifbare Perspektive für die Zukunft angewiesen“, weiß Landrat Florian Lorenzen aus vielen Gesprächen. Er betont jedoch:

„Unser momentan niedriger Inzidenzwert darf uns keinesfalls verführen, unvorsichtig zu werden. Uns allen ist überaus wichtig, dass Kitas und Schulen geöffnet bleiben können.“

Deshalb bedürfe es bei allen Überlegungen einer weitreichenden Umsicht und letztlich eines klugen Gesamtkonzepts. Um das zu erarbeiten, haben Lorenzen und sein Amtskollege Stefan Mohrdieck aus Heide Fachleute aus beiden Kreisen zusammengetrommelt. Dazu gehören beispielsweise das Kreis-Gesundheitsamt, Geschäftsführer von Tourismusbetrieben, Hotels, Handels- und Verkehrsunternehmen, der DGB, die IHK sowie Verwaltungschefs.

„Wir werden natürlich nur die Teilregionen der Kreise in unsere Bewerbung aufnehmen, deren örtliche Verwaltungen und andere Akteure das noch zu erarbeitende Konzept einvernehmlich befürworten. Sie müssten ja auch die Umsetzung sicherstellen. Das Ganze ist absolut freiwillig“, unterstreicht Florian Lorenzen.

In sechs Arbeitsgruppen arbeiten die Fachleute nun die Feinheiten des künftigen Vorgehens in folgenden Gebieten aus: Teststrategie, Besucherlenkung, Verkehr, Veranstaltungen, Kulturereignisse, Handel, Gastronomie, Beherbergung sowie technische Unterstützung. Dabei stehen neben den Urlaubsgästen ebenso die Einheimischen im Fokus der Überlegungen. „Denn wir Nordfriesen würden auch gerne mal ins Kino gehen, ein Restaurant oder ein Konzert besuchen. Die Sicherheitsmaßnahmen, an denen wir arbeiten, sollen das wieder möglich machen“, erklärt Florian Lorenzen. Eine Koordinierungsgruppe, zu der auch die Landräte selbst gehören, achtet auf die Verzahnung der Ergebnisse.

Südtonderns Amtsdirektor Dr. Wolfgang Sappert beteiligt sich an der Arbeitsgruppe zur Teststrategie. „Testkapazitäten sind im gesamten Kreisgebiet vorhanden, das ist eine gute Ausgangsbasis. Doch der Testbedarf wird mit den angestrebten Öffnungen wachsen. Um auch Urlauber, Tagestouristen und die hier lebenden Menschen testen zu können, müssen wir das Angebot noch deutlich ausbauen“, ist sein Appell. Jeder neue Bewerber, der Testmöglichkeiten zur Verfügung stellt, sei ein Gewinn. Der Schnelltest-Koordinator des Kreises, Christian Grelck, steht allen Interessenten unter schnelltest@nordfriesland.de mit Rat und Tat zur Seite.

Wo immer es möglich ist, sollen digitalisierte Lösungen genutzt werden. „Da nun auch das Land Schleswig-Holstein ganz offiziell die Luca-App empfiehlt, wird sie sich wohl in Windeseile verbreiten“, freut sich Rainer Balsmeier, der Bürgermeister von St. Peter-Ording. Er hat die Vorteile der App schon vor einiger Zeit erkannt: Sie ermöglicht es Besuchern von Gastronomie und Veranstaltungen, sich per Smartphone zu registrieren. Sollte das Gesundheitsamt die Kontaktdaten später benötigen, erhält es sie datenschutzkonform über die App.

„Wir stehen in Kontakt mit den Luca-Betreibern und hoffen, dass die App bald um gesicherte Testergebnisse erweitert wird. Das würde dazu führen, die Zettelwirtschaft noch ein Stück weiter zurückdrängen und wäre ein weiterer Baustein zur Eindämmung der Pandemie“, erklärt Landrat Florian Lorenzen. Er freut sich über die hohe dreistellige Zahl der Unternehmen, die bereits die Luca-App eingeführt haben, und rät generell allen Betrieben mit Publikumsverkehr, sie zu nutzen.

Lorenzen unterstreicht, dass Bund und Länder die wissenschaftliche Begleitung zur Grundvoraussetzung für Modellregionen gemacht haben. „Vor einer Öffnung muss jedes Detail genau durchdacht und dann auch die Umsetzung aufmerksam überwacht werden. Sicherheit ist oberstes Gebot“, betont er. „Jede neue Infektion muss penibel zurückverfolgt werden. Unser Konzept wird auch einen klaren Rahmen zu der Frage enthalten, wann wir wieder einen Schritt zurückgehen würden. Falls das Modellprojekt unser Infektionsgeschehen in die Höhe treibt, ist es gescheitert und wird abgebrochen“, verspricht der Verwaltungschef.

Doch Lorenzen geht nicht von einem Misserfolg aus: „Wir werden genügend Sicherheitsmaßnahmen einziehen. Und wer die Zeichen der Zeit immer noch nicht verstanden hat, muss dann eben durch häufigere Kontrollen der Ordnungsämter und spürbare Bußgelder zur Vernunft gebracht werden.“

Bis zum 7. April muss die Region ihre Bewerbung in Kiel einreichen. Bis zum 12. April trifft die Landesregierung eine Entscheidung. Ob die regionalen Lockerungen, wie vom Land angedacht, ab dem 19. April umgesetzt werden können, steht noch nicht fest. „Trotzdem ist es wichtig, jetzt in die Planung zu gehen. Dadurch werden wir bestens vorbereitet sein, wenn Bund und Land den Startschuss geben“, blickt Florian Lorenzen voraus.

Dem Landrat ist bewusst, dass die Urlaubsquartiere insbesondere auf Sylt, Föhr und Amrum sich bereits seit Tagen füllen. Mancher Einheimische fragt sich, ob das Verbot gewerblicher Beherbergung schon aufgehoben ist. Auch dem Sylter Tourismusdirektor Peter Douven wäre wohler, wenn die zum Modellprojekt gehörenden Sicherheitsmaßnahmen bereits jetzt gelten würden: „Ich werbe für regelmäßige Tests für jeden Menschen in der Region. Egal, ob Urlaubsgast, Geschäftsreisender oder Einheimischer, und egal, ob Insel oder Festland. Jeder sollte sein negatives Testergebnis immer bei sich tragen und vorzeigen, wenn er Veranstaltungen, Strände, Restaurants oder Geschäfte besuchen will.“ Eine Ausnahme würde Douven nur bei Einkäufen zur Grundversorgung mit Nahrungsmitteln vorsehen. Die Gefahr, dass potenzielle Gäste sich angesichts so rigoroser Maßnahmen für ein anderes Urlaubsziel entscheiden könnten, nimmt er in Kauf:

„Das Leitthema des Jahres 2021 lautet ganz klar: Sicherheit geht vor Umsatz!“